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Die Endinger Fasnet - gelebtes Brauchtum

Vieles gäbe es zu den kirchlichen wie weltlichen Bräuchen zu erzählen, die sich in Endingen zum Teil über Jahrhunderte hinweg gehalten haben. Das Heiliwog holen in der Christnacht oder das Rugili-Spiel der Endinger Schützengesellschaft von 1648 im Mai sind nur zwei Besonderheiten in Endingens reichen Brauchkalender der Stadt.

Das Hochhalten dieser alten Bräuche ist auch in der Endinger Fasnet zu spüren. Sie zählt zu den traditionsreichsten Fastnachten im Breisgau. Mit ihrer Hauptfigur, dem Jokili, besitzt die Endinger Fasnet eine Narrenfigur, die das in Fastnachtskreisen inflationär genutzte Attribut "historisch" wirklich verdient hat. Aber nicht nur der Jokili macht den Reiz der Endinger Fasnet aus. Es sind viele Aspekte, die zu der Einzigartigkeit dieses Volksfestes beitragen.

 

 

 


 

 

Vorfasnetszeit

Die närrische Zeit beginnt in Endingen wie in der alemannischen Fasnet üblich nach dem Dreikönigstag. Die in der Jokiligruppe vereinten, meist jüngeren Zunftbrüder treffen sich an einem der folgenden Tage zum gemeinsamen Verteilen der Fasnetsmännli an die Gastwirte der Stadt.

Fasnetsmännli sind holzgedrechselte, bunt bemalte Figuren, die als Sammelbüchsen dienen. Zur Finanzierung der Fasnet wurden sie erstmals im Jahr 1930 in den Gasthäusern unser Stadt aufgestellt. Auch wenn die Ausgaben für die Fasnet bei Weitem nicht mehr durch die großzügigen Gaben der Wirtshausbesucher abgedeckt werden können, werden unser Fasnetsmännli noch immer jedes Jahr aufs Neue an die Wirtsleute übergeben.

Ein weiterer wichtiger Termin in der Vorfasnetszeit ist Maria Lichtmess, der 2. Februar. Ab diesem Tag dürfen sich die Kinder als Häxli verkleiden. Ihre Heischegänge in den Geschäften der Stadt liefern einen weiteren Vorgeschmack auf die eigentlichen Fastnachtstage. Das Häxlismachä ist ein alter Brauch. Wie alt er genau ist, kann niemand sagen.

In den Narrennestern – das sind Kameradschaften, in denen sich Bewohner einzelner Stadtviertel zusammengeschlossen haben -versüßt man sich das Warten auf die Fasnet indessen mit zünftigen Kappenabenden. Höhepunkt der Vorfasnetszeit sind die Zunftbälle, die mit ihrem niveauvollen, bodenständig-närrischen Bühnenprogramm die lange Tradition der Saalfasnet in Endingen lebendig halten.

 

 


 

 


Fasnetstage

Die hohe Zeit der Fastnacht ist in Endingen durch zwei eindrucksvolle Brunnenbräuche am Schmutzigen Dunnschdig und am Fasnetzischdig eingerahmt. Angeführt durch den Besenmann, gefolgt vom Stadttier und dem Zunftrat mit dem Narrenbaum auf den Schultern, setzt sich am Abend des Schmutzigen Dunnschdig der große Hemdglunkerumzug in Bewegung. Zu Tausenden geht es durch die Altstadt zum Rathausbrunnen auf dem historischen Endinger Marktplatz. In einer imposanten Zeremonie wird der Jokili aus dem Brunnen geholt: Der Oberzunftmeister sowie der Zeremonienmeister beschwören den seit der letzten Fasnet im Brunnen ruhenden Jokili. Das eindringliche Jokili, bisch in Brunne kejt – i hab di herä blumbsä und das mächtige Jokili kumm aus Tausenden von Kehlen erwecken den Jokili wieder zum Fasnetsleben. Der Oberjokili, die Leitfigur der Endinger Fasnet, erscheint auf dem Brunnenrand – jetz isch ändlig d Fasnet do.

Nach einem eher ruhigen Fasnetfridig mit Kinderumzug und Fasnetsfraid für den Narrensamen steht der Fasnetsamschdig wieder ganz im Zeichen der ausgelassenen Narretei. Besonders am Abend ist wieder das ganze Städtli auf den Beinen. Zahlreiche fantasievolle Schnurrgruppen ziehen von Wirtshaus zu Wirtshaus, um hinter ihrer Maskierung den Leuten auf närrisch-offene Art so allerlei zu erzählen, das Stadtgeschehen des vergangenen Jahres zu glossieren oder mit originellen Liedbeiträgen das Publikum zu unterhalten. In den Lokalen und auf den Straßen hört man die alten Fasnetlieder und -sprüche. In der Stadt herrscht urwüchsige Endinger Fasnetstimmung.

Der Fasnetsunndig ist der langersehnte große Jokilitag. Am Morgen ruft der Stadthauptmann die Fasnet aus. Nach dem Mittagessen versammeln sich Hunderte große und kleine Jokili außerhalb des Königschaffhauser Tors, unserem Torli, um von dort aus zu ihrem Umzug aufzubrechen. Zu den Klängen des alten Endinger Narrenmarsches bewegt sich die große Jokilischar durchs Städtli zum Marktplatz, wo traditionell das Narrenbrot verteilt wird. Neben dem Oberjokili und dem Stadttier ist eine weitere Tiergestalt mit von der Partie: der Endinger Fasnetstorch, der, wie sollte es auch anders sein, den Narrensamen anführt. Am Abend des Sonntags, nach einer Stärkung in geselliger Runde zuhause und in den Gasthäusern, trifft sich die große Jokilischar erneut, um sich nach einem stimmungsvollen Nachtumzug auf dem Marktplatz der Stadt einzufinden. Dort findet das Fasnetverkünden durch den Oberjokili statt, wobei auch hier die alten Endinger Fasnetsprichli und Liadli zum Besten gegeben werden.

Der Fasnetmändig beginnt mit dem ohrenbetäubenden Wecken. Die halbwegs ausgeschlafenen Narren treffen sich im Schlafanzug und mit allerlei Lärminstrumenten ausgerüstet, um gemeinsam mit dem Oberjokili durch die Straßen und Gassen zu ziehen. Ihre Katzenmusik wird nur unterbrochen durch den Aufruf Stehn uf, stehn uf – ihr Narrä… des Oberjokili. Im Mittelpunkt des Fasnetmändig steht der Große Umzug mit den Endinger Taditionsfiguren und allen Narrennestern mit ihren bunten Wagen und Fußgruppen. Das ganze Städtli ist alljährlich gespannt, welche Begebenheiten des letzen Jahres von den Narrennestern präsentiert und auf die Schippe genommen werden. Zwei weitere Einzelfiguren, der Galli und das Dialfraili, sind ausschließlich an diesem Umzug zu sehen. Auch am Abend des Fasnetmändig herrscht in den Lokalen der Stadt bis in die frühen Morgenstunden Hochstimmung. Keiner will die letzten glückseligen Fasnetstunden des Jahres versäumen.

Am Morgen des Fasnetzischdig ist es ruhig im Städtli. Da und dort hört man das Schellen der letzten Jokili auf ihrem späten Heimweg. Erst am Nachmittag wird es wieder lebendiger in der Stadt, wenn sich die Frauen in den Lokalen zu ihrem traditionellen Frauenrecht treffen. Nach Einbruch der Dunkelheit sammelt sich die Endinger Narrenschar zu ihrem letzten Umzug. Allesamt sind sie schwarz gekleidet, nur ihre weiße Rüsche und der mit Buchs verzierte Stecken erinnern an den Jokili. Unter dumpfem Tambourengetrommel formiert sich ein schauerlicher Trauerumzug. Auf einer Bahre wird der leblose Jokili zum Rathausbrunnen getragen, wo unter großem Wehklagen von ihm Abschied genommen wird. Im Anschluss an eine ergreifende Trauerrede wird er wieder in den Brunnen geworfen. Dort harrt er, als künstlerisch gestaltete Brunnenfigur versteinert, seiner Erweckung an der nächstjährigen Fasnet – bis zum nächsten Jokili kumm!

 

 


 

 

 

Liadli un Sprichli

Eine Besonderheit der Endinger Fasnet sind die zahlreichen Liadli un Sprichli, die in fastnächtlicher Runde gesungen und aufgesagt werden. Wia küm amenort anderscht sind diese Lieder und Sprüche in ihrer Originalität und Vielzahl Ausdruck altüberlieferten und lebendigen Fasnetsbrauchtums:

Was wär dia Fasnet ohni Liader?

Mir säßä rum wia miadi Briader!

S gäb jo kei Grund zum Girgili eelä -

was wärä mir fir armi Seelä?!


 

 

Zweifellos zum Altbestand der Endinger Fasnetssprüche zählt das Jokili-Sprichli. 170 Jahre hat das Sprüchlein mindestens auf dem Buckel: Im Jahre 1843 wanderten einige Familien aus dem Endinger Raum nach Venezuela aus und gründeten dort die Colonia Tovar. Sie lebten über Generationen abgeschottet im Urwald. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine befestigte Straße gebaut, die den Ort mit der Hauptstadt Caracas verband. Als zu Beginn der 1970er - Jahre einige Endinger Bürger Kontakt zu den Nachfahren ihrer Landsleute suchten, fanden sie noch einige (vor allem ältere) Menschen vor, mit denen sie sich auf alemannisch unterhalten konnten. Bei ihren Gesprächen kam man auch auf die Fasnet zu sprechen. Zum Erstaunen der Endinger war das Jokilisprichli noch bekannt. Es hatte somit über 130 Jahre in Venezuela überlebt. Interessanterweise waren nicht nur die Endinger Gsätzli bekannt, auch weitere Verse wurden von den Venezolanern zum Besten gegeben, die in Endingen schon lange nicht mehr bekannt waren.

 

 


S üralt Ändinger Jokili-Sprichli

 

Jokili, Jokili jo jo
het dr Stäckä stoh lo,
het ä widr gfundä mit-ämä aldä Lumpä!

Jokili isch in Brunnä gheit,
i hab ä herä blumbsä,
i hab gmeint s isch ä großä Mann,
jetz isch-äs nur ä Stumbä.

Jokili, wu bisch geschdert gsi?
Hindrem Hüs im Gärtli!
Wär isch geschdert bi dr gsi?
Dr Jokili mit-äm Bärtli!
Jokili, Jokili jei jei jei, Jokili, Jokili jei!

 

In Tovar lautet der dritte Vers:

Maidli wu bisch geschdert gsi?
Hindrem Hüs im Gärtli!
Wär isch aü noch bi dr gsi?
S Jokili mit-äm Bärtli!
Was het s aü noch bi dr glo?
Ä rächdä Scheiß in d Hosä!

Ein weiterer Tovarer Vers:

Jokili mit-äm Bärtli
isch ä aldä Lumpä,
süft dr Wii vu anderä
üsm großä Humbä.

Weiter Verse, in Endingen gebräuchlich:

 

Jokili dü Lumbähund
hesch nit gwisst, ass d Fasnet kunnt.
Hättsch dr s Müll mit Wasser griwä,
Wär dr s Gäld im Bejdl bliwä!

Jokili mit dr Giigä,
Jokili mit - äm Bass,
Dr Jokili het in d Hosä gmacht,
Ei was isch denn das?

He ihr wißi Beggä,
gän-äm aü ä Weggä!
Ihr Kiafer gänn-äm Wii,
no wird-r z friedä si!

Un vum Metzgerburscht
bikummt är no ä Wurscht,
wu lang isch un rächt dick,
dr Jokili het hit Glick!

Jokili, Jokili, jej!
An dr Fasnet läbt mr frej,
an dr Fasnet läbt mr froh,
Jokili, Jokili jo!

jokili


 

Neben den Sprüchen sind es aber vor allem die zahlreichen, eigenständigen Fasnetslieder die vieles von dem ausdrücken, was die Endinger Fasnet ausmacht: Sie geben tiefen Einblick in die Endinger Fasnetsseele. Gerade Franz. A. Vollherbst und später sein Sohn Franz Vollherbst haben im zurückliegenden Jahrhundert mit ihren zahlreichen Kompositionen zur Vielfalt des Endinger Liedrepertoires beigetragen. Gassenhauer wie "S isch Fasnet..." und "An Fasnet wämr luschdig si" (Franz A. Vollherbst) beziehungsweise "Dü kannsch mi gärn ha" und "O sin doch weng nätt zuenander" (Franz Vollherbst) stammen aus der Feder dieser beiden Endinger Erznarren.

 


 


 

 

Saal- und Schauspielfasnet

 

Die Schauspielfasnet ist ein wichtiger Bestandteil der Endinger Fasnet. Beim Schnurren in den Lokalen und in den Gassen beweisen die Schnurranten ihr närrisches Talent bei der Darbietung ihrer Moritaten und Narrästickli.

Auch bei den Zunftbällen und Kappenabenden im Saal wird das närrische Schauspiel gepflegt. Die Saalfasnet hat in Endingen neben der Straßenfasnet eine lange Tradition. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Maskenbälle und Kappenabende ausgetragen. Veranstalter waren damals vor allem die zahlreichen örtlichen Vereine. Plakate und Einladungen aus dieser Zeit belegen, dass es sich damals nicht immer um närrische Veranstaltungen nach unseren heutigen Maßstäben gedreht haben muss. So war das Tragen von Jokilikostümen und Dominogewändern zum Teil ganz verboten oder wurde mit höheren Eintrittpreisen belegt. Die meist einfachen, in ihrem Auftreten oftmals derben Laufnarren waren bei den eher fein-karnevalistischen Saalveranstaltungen offensichtlich nicht gern gesehen. „Jokili willkommen!“ hieß es erst wieder auf einem Plakat der Endinger Narrenzunft, mit dem 1935 zum Kappenabend am Fasnetsamschdig eingeladen wurde.

Daneben wurden und werden auch immer wieder größere Fasnetspiele auf dem Marktplatz der Stadt aufgeführt. Das erste bekannte Spiel steht im Zusammenhang mit der Ersterwähnung des Jokili und einer Fasnetszunft im Jahr 1782, der überlieferte Titel des Spiels: „Jokilis Heimkehr“. Auch im folgenden 19. Jahrhundert gehörten Fasnetspiele zur Endinger Fasnetsfeier, wobei es sicherlich nicht in jedem Jahr zu einer Aufführung kam. Eine große Blüte erlebten die Endinger Fasnetspiele dann wiederum in den 30er, 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Hier liegen uns zahlreiche Aufzeichnungen und Bilder vor, die die Begeisterung der Autoren, der Schauspieler und des gesamten Narrenvolks an dieser Form der Narretei erahnen lassen. Oft stellten diese Spiele eine Art Narrengericht dar, wobei vor allem lokale Geschehnisse in närrischer Weise glossiert wurden. Die letzten großen Fasnetspiele wurde 2000 und 2007 aufgeführt.

 

 

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