DER JOKILI | STADTTIER | STORCH | DR GALLI UN S DIELFRAILI | DIE HEMDGLUNKERDIA TRÜÜRIGE NARRE | RÄBWIIBLI |

 

Im Zeichen des Jokili

 

An der Fasnet beteiligen sich bis zu 800 große und kleine Jokili am Narrentreiben. Aus den Reihen der aktiven Zunftbrüder wird alljährlich der Oberjokili gewählt. Er führt während der Fasnetstage das Jokili-Regiment im Städtli. Eine weitere aber weitaus kleinere Gruppe bilden die Räbwiiber, die bei den Umzügen am Fasnetsunndig und -mändig sowie in den Lokalen ihr "Schnurrtalent" unter Beweis stellen. Zu den Räbwiibern und der großen Schar der Jokili gesellen sich noch vier bemerkenswerte Einzelfiguren. Neben zwei Tiergestalten, dem Stadttier und dem Storch, sind dies noch der Galli und das Dielfraili. Desweiteren gibt es in Endingen, wie vielerorts auch, Hemdglunker, die am Schmutzigen Dunnschdig zu Tausenden die Straßen der Stadt bevölkern. Mit dem letzten Tag der Endinger Fasnet, dem Fasnetzischdig, ist schließlich die Zeit der trauernden Narren, der trüürigä Narrä, angebrochen.

 

 


 

 

Der Jokili

 

Z Ändinge het mr an dr Fasnet scho allewiil Jokilis gmacht, sagt der eingefleischte Endinger, wenn er auf das Alter seiner Narrenfigur angesprochen wird. An der Fasnet dreht sich alles um ihn, und das eben schon seit jeher.

Der Jokili lässt sich bis in das ausgehende achtzehnte Jahrhundert zurückverfolgen und zählt somit zu den ältesten Narrenfiguren am Oberrhein. Mit seiner charakteristischen dreizipfligen Narrenkappe und dem mit Schellen besetzten Narrengewand ist ein klassischer Schalksnarr. Sein Name ist vom lateinischen Wort ioculator abzuleiten, das Spaßmacher oder Possenreißer bedeutet. Historisch greifbar wird der Jokili erstmals 1782. In jenem Jahr wurde auf dem Marktplatz unserer ehemals vorderösterreichischen Stadt ein Fasnetspiel mit dem Titel Jokilis Heimkehr aufgeführt. Es muss ein großartiges Ereignis gewesen sein, denn bis tief in die Nacht, so berichten die Quellen, wurde getanzt und gefeiert. Neben dem Fasnetspiel wird von einem Umzug berichtet, bei dem der Jokili, auf einem Thron sitzend, durch die Stadt getragen wurde. Damals gab es bereits eine Fasnetszunft, die Teil der Endinger Meistersingergilde war. Der Gildemeister der Meistersinger war gleichzeitig Zunftmeister der Narrenzunft.

Die ältesten erhaltenen Jokiligewänder sind in die Mitte und in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu datieren. Heute trägt die überwiegende Mehrheit der Jokili das weithin bekannte rote Jokiligewand. Diese einheitlich roten Gewänder wurden in den 1930er Jahren eingeführt, in einer Zeit als im alemannisch-schwäbischen Raum die Uniformierung und Veredelung von Narrenfiguren weit verbreitet war. Durch diese Maßnahme sollte der Jokili als unverwechselbare, ortstypische Narrenfigur Endingens festgeschrieben werden.

Zuvor wurden die Jokilikleider aus den unterschiedlichsten Stoffen gefertigt. Dank der alten, erhalten gebliebenen Narrenkleider sowie aus Berichten von Gewährsleuten wissen wir, dass verschiedenste Farben und Muster Verwendung fanden. Eine Normierung oder Reglementierung war nicht bekannt. Benutzt wurden einfache Stoffe sowie Tücher, die aus der Mode gekommen waren, neben (gestreiftem) Matratzenstoff auch alte Tischdecken und Vorhänge. Besonders bemerkenswert ist ein arabeskenverziertes Jokiligewand, dr Wiimickli genannt, das um 1870 entstanden sein dürfte und vollständig erhalten blieb.

Einfache Larven aus Draht- und Stoffgaze, aber auch Pappmaché dienten zur Maskierung. Das Schminken war ebenfalls immer üblich, so wie das heute noch bei den Kinderjokili und dem Endinger Oberjokili der Brauch ist. Trotz der relativ kurzen Lebensdauer der Gazelarven sind einige alte Exemplare erhalten geblieben. Das älteste Stück, eine Drahtgazelarve, dürfte ebenfalls um 1860-70 zu datieren sein. Holzlarven wurden nach unserem derzeitigen Wissenstand,in Endingen im 19. Jahrhundert nicht getragen. Erstmals 1947 ergänzten sie die einfacheren Pappmaché-, Gaze- und in dieser Zeit beliebten Gipslarven. Heute wird fast ausschließlich die glattgeschliffene, gefasste Holzlarve getragen.

Seit einiger Zeit sind neben den vielen, einheitlich roten Jokili wieder einige Jokili am Narrentreiben beteiligt, deren Gewänder in Farb- und Mustervielfalt den Jokilikleidern vor der Uniformierung in den 1930er-Jahren entsprechen. Dieser Typus wird zur Unterscheidung vom einheitlich roten Jokili auch Altnarr oder Altjokili genannt.

 

 

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Das Stadttier

BrauchtumStadttier

Das Stadttier ist eine übermannsgroße Figur mit rotem Umhang, der Kopf „halb Gaul, halb Stier“, die lange rote Zunge weit herausgestreckt. Die Figur wird bereits 1870 in einem vom damaligen Bürgermeister Kniebühler verfassten, am „Fasching-Sonntag“ erschienen Büchlein beschrieben. Und auch die Nachfahren der Auswanderer in der Colonia Tovar kennen es aus der alten Heimat. Dü Stadttiar, so hört man es dort manchmal auch heute noch, wenn sich einer daneben benommen hat.

Das Stadttier führt die meisten der acht offiziellen Umzüge an der Endinger Fasnet an und schafft mit seinen wilden Bewegungen Platz für die nachfolgenden Narren . Ebenso wie der Oberjokili wird das Stadttier jährlich aus den Reihen der aktiven Zunftbrüder gewählt.



 

 


Der Storch

 

BrauchtumStorch

Als zweite Tiergestalt tritt der Storch auf. Torso und Kopf samt Schnabel sind aus festem Pappmache hergestellt. Das noch heute getragene Kostüm stammt aus den Zwanziger- oder Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Der Storch begleitet den Endinger Narrensamen bei den Umzügen am Freitag, Sonntag und Montag. Träger des Storchs ist der Zunftbruder, der vor der Fasnet zuletzt Vater geworden ist. Hier wird also nicht gewählt, es ist vielmehr Timing gefragt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 Dr Galli un s Dialfraili

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte in Endingen ein Schneidergeselle namens Gallus Wodenscheck, im Kaiserstühler Dialekt Galli genannt. Er war durch seine maßlosen Übertreibungen und Lügen, die er verbreitete, einer der bekanntesten Männer der Stadt. In den Fasnetsspielen der 1930er Jahre wurde der Galli zur Fasnetsfigur. Als Vorbild für die heutige geschnitzte Galli-Larve diente Erznarr Eugen Löffler, der den Galli bei vielen Fasnetsspielen und Umzügen in jenen Jahren darstellte.

Neben dem Stadttier ist das Dialfraili die zweite Gestalt aus Endingens reichem Sagenschatz, die in der Endinger Fasnet seit langer Zeit ihren festen Platz hat. Sie tritt in der heutigen Zeit immer in Begleitung des Galli auf. Die Sage berichtet, dass das Dialfraili im Rebgewann Diel sein Unwesen trieb und so manchen vergelschteret (verängstigt) hat, der sich dort allzu lange aufgehalten hat. In früherer Zeit war die Figur eine relativ wilde Figur und wurde vergleichbar dem Stadttier übermannsgroß (der Träger in einem blauen Umhang) vor den Umzügen hergetragen. Die Fasnetgestalt in ihrer heutigen Form trägt das Gewand einer Rebbäuerin. Auf dem Kopf trägt ein zu einem Schaüb zusammengefasstes Strohbündel. Die einzelnen Strohhalme dienten in früheren Zeiten (eingeweicht und weichgetreten) zum Binden der Reben.

Galli und Dielfraili werden von langjährigen, verdienten Zunftbrüdern verkörpert, die diese Ehrenämter in der Regel über Jahrzehnte hinweg ausüben.

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

DR HEMDGLUNKER

 

BrauchtumHemdDie Fasnetsfigur des Hemdglunkers stellt innerhalb der alemannischen-schwäbischen Fastnacht keine Besonderheit unseres Narrenstädtchens dar.Besonders hervorzuheben ist allerdings die Begeisterung des ganzen Endinger Narrenvolkes, wenn es am Schmutzige Dunnschdig bei Einbruch der Dämmerung in allen Gassen und Winkeln anfängt “z kläpperä” und “zrumorä”. Dann hält es kein Endinger mehr daheim aus.“S ganz Städtli isch uf dr Bei!”.Ungefähr 3000 große und kleine Hemdglunker ziehen alljährlich am Schmutzigä Dunnschdig durch das Narrenstädtli. Bekleidet mit langen weißen Nachthemden, auf dem Kopf weiße Schlafkappen, das Gesicht mit Mehl geweißt und ausgerüstet mit allen möglichen Krachinstrumenten, bewegen sich die Hemdglunker im großen, mitreißenden Umzug zum Marktplatz, um mit ihrem Lärm und “Jokili kumm” die Urgestalt der Endinger Fasnet, ihren Jokili, aus dem Brunnen zu holen. Der Endinger Hemdglunkerumzug wird traditionsgemäß Reisigbesen die Straßen der Narrenstadt “süfer unglatt schweift – fir d Fasnet”.

 

 

 

 

 


 

 

 

Dia Trüürige Narre

 

BrauchtumTrürig

Am Abend des Fasnetzischdig endet die Endinger Fasnet mit einem schauerlichen Trauerumzug. Der Jokili wird wieder im Rathausbrunnen versenkt. Zu diesem Anlass haben sich die Endinger Narren ganz in schwarz gekleidet. In der Hand halten sie ein übergroßes Nastuch, um die Tränen der Trauer zu trocknen. Nur ihre weißen Rüschen (Halskrausen) erinnern noch an den Jokili. Die Schar der trauernden Narren, in Kaiserstühler Alemannisch “trüürigi Narrä” genannt, tragen unter großem Wehklagen den aufgebahrten Jokili durch die Straßen der Stadt. Auf dem Marktplatz wird in einer ergreifenden Trauerrede vom toten Jokili Abschied genommen, wonach er wieder dem kühlen Naß des Rathausbrunnens übergeben wird.

 

 


 

 

Räbwiibli

 

In den 1960er Jahren entstand die Gruppe der Räbwiiber als weibliche Begleitung der Zunftmeister. Zunächst trugen die Damen in ihrem Rebbäuerinnengewand keine Masken und nahmen auch nur am Fasnetmändigumzug teil. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde die äußere Gestalt des Räbwiib überarbeitet und mit einer Holzlarve versehen. Die kleine, aber feine Gruppe der Räbwiiber bildet die einzige Maskengruppe, die neben der großen Schar der Jokili in Endingen existiert.